Mittwoch, 22. Oktober 2014

Das Schweriner Schloss

Heute nun möchte ich das Schweriner Schloss besichtigen. Sobald man in die Schlossstraße einbiegt, sieht man es auf der Schlossinsel liegen. Es entstand in den Jahren ab 1837 als grundlegende Schlosserneuerung unter Demmler.
Blick zum Schloss von der Schlossstraße her
Heute gilt es als eines der bedeutensten Schlossbauten des Historismus (neben dem Schloss in Wernigerrode und Neuschwanstein). Die architektonische Bedeutung des Schlosses und der Innenstadt hat zur Bewerbung um den Titel "Welterbestätte" für das Residenzensemble geführt. Ein erster, wichtiger Erfolg:
Unter dem Titel "Residenzemsemble Schwerin - Kulturlandschaft des romantischen Historismus" hat es Schwerin auf Platz 9 der Liste der Kultusminister geschafft und wird nun - nach etlichen Jahren der Planung - offiziell der UNESCO zur Aufnahme als Weltkulturerbe vorgestellt.
Blick zum Schloss vom Schlossgarten her -  die Gartenanlage macht den romantischen Eindruck erst perfekt
Wie erlebe ich das Schloss?
An einem Wochentag gibt es keine Führungen, aber einen informativen Audioguide. Die Ausstellung der ehemaligen Wohnräume liegt in den oberen Räumen des Schlosses, unten wird der Landtag erneuert. Bis 1918 war das Schloss ja Residenz des Großherzogs. Im abgebrannten Goldenen Saal wurde später der Landtag eingerichtet, dieser soll nun moderner und eindrucksvoller renoviert werden.
Erst habe ich Probleme mit meinen Audioguide, doch die netten Angestellten in der Ausstellung und im Shop helfen gerne weiter. Überhaupt sind die Menschen hier alle sehr entgegenkommend, egal ob es die Berater in der Touristeninfo sind oder der Ticketverkäufer im Schloss oder die Bedienung in den Restaurants.

Die Ausstellung ist noch im Aufbau, viele Räume sind bereits restauriert, aber offensichtlich soll in den nächsten Jahren noch mehr dazukommen. Das merkt man der Wegführung (etwas verworren) an, aber das macht nichts.
Die Räume selbst wirken auf den Betrachter heute zum Teil etwas überladen und dunkel. Das Bildprogramm mit Szenen aus germanischen Mythen und Figuren in Militäruniform im Eingangsraum lösen bei mir eher ungute Gefühle aus und bringen mich zum Nachdenken über die Wertvorstellungen der Herzogsfamilie und des Historismus überhaupt.  Aber insgesamt wirkt das Schloss noch wohnlich. Schade, dass die Originalmöbelierung fehlt - der Großherzog hat sie nach seinem Rücktritt mitgenommen.
Was immer wieder begeistert, ist der Blick aus den Fenstern über den Schweriner See und in den Schlosspark. Hier stellt sich eine Leichtigkeit und Naturnähe ein, die einen Ausgleich für die statusorientierte  Präsentation der Räume bietet.

Im Schlossgarten - der Baum wurde 1860 gepflanzt
Nicht nur das Schloss selbst ist sehenswert, sondern natürlich auch der Burggarten auf der Schlossinsel und der Schlossgarten. Viele Bäume stammen noch aus der Zeit der Gartenneuanlage und beeindrucken durch ihren Umfang, ihre Höhe und Mächtigkeit. Auch das setzt Fantasie in Gang .... Was diese Bäume aus der Zeit um 1860 so alles erlebt haben ... .
In der Orangerie

Ballustrade zum See - an der Orangerie

Ich kann gar nicht genug fotografieren. Immer wieder ergeben sich tolle Perspektiven. Die Orangerie entzückt, aber auch die das moderne Portal auf der "Schwimmenden Wiese", die für die Bundesgartenschau angelegt wurde, spricht mich an.

Goldroubinie vor dem Eingangsportal der Schwimmenden Wiese

Später gehe ich noch zum Marstall, doch fehlt mir die Zeit die zur Zeit stattfindende GULAG - Ausstellung anzusehen. Vielleicht will ich mir aber auch meine romantisch - friedliche Stimmung nicht gleich wieder verderben lassen ...
Friedliche Bilder ... hier der Blick vom Burggarten aus Richtung See

Abendfrieden am Schweriner See

Leider gibt es in Schwerin kein Stadtmuseum mehr.  Das bedauere ich sehr! Vor vier Jahren ist das alte aus Kostengründen eingestellt worden. Schade, schade ... Wenn ich da z. B. an das hervorragende Stadtmuseum in Naumburg denke. Gerade hier könnten doch Hintergründe der Stadtentwicklung und der Geschichte des Großherzogtums aufgezeigt werden.

An meinem letzten Abend suche ich mir wieder ein ansprechendes Restaurant. Nachdem ich an den Tagen zuvor schon eine typisch mecklenburgische Ente, einmal Fischfilet und einmal Kartoffel - Möhrensuppe gegessen habe, suche ich einen guten Italiener. Die erste Gruppe, die ich für einen Tipp anspreche, gibt sich selbst als Touristen zu erkennen. Aber eine jüngere Dame, die mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss doch wohl eine Einheimische sein. Richtig! Und sie hat auch einen guten Tipp: Das "Kristina" in der Nähe des Bahnhofs.
Hier kann ich mich in netter Atmosphäre entspannen. Während ich noch auf meine Spaghetti warte, komme ich mit einer Dame am neben liegenden Tisch ins Gespräch. Auch interessant: Auf Grund des Lokführerstreiks ist sie mit dem Fernbus aus Berlin angereist. Sie will morgen eine Konferenz zum Thema "Stasi" besuchen und erzählt, dass sie als Therapeutin mit den Nachwirkungen der Stasivergehen zu tun hat.  Gerade die Kinder der Stasimitarbeiter leiden vielfach ein Leben lang unter den Folgen der doppelten Existenz ihrer Eltern, ganz egal wie sie selbst zu den Handlungen ihrer Eltern stehen.
Was bleibt von meinem Schwerin Aufenthalt? Ich habe mich in Schwerin sehr wohl gefühlt. Ein Besuch ist lohnenswert und für jeden zu empfehlen, denn man kann nicht nur der Geschichte des 19. Jahrhunderts begegnen, sondern erhält immer auch Einblicke in die DDR - Vergangenheit und die aktuelle Lebenssiutation "nach der Wende". Vielleicht komme ich einmal zu einer Opernfreiluftaufführung wieder - oder auch nur, um am Wochenende noch eine Spezialführung zur Schelfstadt zu erleben.
Noch ein paar Bilder zum Abschied:
Blick von der Schlossinsel zum Regierungssitz und zur Kunsthalle

Der Marstall

Das Schloss - gesehen von der Mecklenburgstraße am Abend

Dienstag, 21. Oktober 2014

Stadtentwicklung und Geschichte Schwerins

Heute früh mache ich mich gleich auf zur Stadtführung. Diese allgemeine Führung wird täglich um 11:00 Uhr angeboten. Einige, mehr spezialisierte Themen leider nur am Wochenende.
Ich habe Glück - wir sind nur eine ganz kleine Gruppe - sechs Personen. Die Stadtführerin wirkt  nett und zugewandten  - doch ach, der gute persönliche Eindruck wird leider nicht durch die Qualität ihrer Ausführungen bestätigt. Obwohl engagiert, gelingt es ihr nicht Zusammenhänge deutlich zu machen oder Aspekte vertiefend darzustellen. Auf dem Stadtplan werden z. B. die Viertel Paulsstadt, Feldstadt, Schelfstadt und Altstadt benannt - doch wie es zu dieser Gliederung kam, wird auch nicht ansatzweise deutlich. Außerdem fehlen mir  Ausführungen zur Bewerbung Schwerins um die Anerkennung als Welterbestätte.
Nun, sei's drum - Schwerin gefällt mir so gut, dass ich  mir die Stadt in weiteren Spaziergängen und begleitender Internetrecherche selbst erschließe.
Hier ein Einblick in Zusammenhänge, die zumindest mir wichtig sind:
Schwerin wurde 1160 von Heinrich dem Löwen gegründet. Er schlug den damals herrschenden Obotritenfürst Niklot, dessen Familienbande jedoch in der späteren Herzogsfamilie fortlebten.
1270 - 1416 wurde der gotische Dom, einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, erbaut,
Blick zum Dom - vom Altstätter Markt - mit Gebäuden des Historismus

Auch in den Seitenstraßen der Altstadt finden sich überwiegend Bauten des 19. Jahrhunderts 

Viele Jahrhunderte - bis 1705 - bestand Schwerin nur in der heutigen Altstadt. Nach 1705 wurde auf Geheiß des Herzogs die Schelfstadt (als Neustadt) ausgebaut. Sie stellt heute im Grunde den ältesten Teil der Stadt dar, da die Gebäude der Altstadt weitgehend durch Brände vernichtet wurden und diese im 19. Jahrhundert im historistischen Stil wiederaufgebaut - und um Regierungsgebäude erweitert wurde. Der Name "Schelf-" kommt wahrscheinlich aus dem Niederdeutschen für "Schilf" und steht für den sumpfigen Boden, auf dem dieser Stadtteil erbaut wurde. Um 1700 lebten etwa 500 Menschen in diesem Stadtteil.

Die ältesten Gebäude Schwerin finden sich in der Schelfstadt

Am Wochenende gibt es Führungen durch die Schelfstadt. Das könnte sich lohnen! Ich wandere nur für mich durch diesen Bereich und bewundere alte Straßenzüge, die Figur der Trauernden an der Schelfkirche und das Schleswig - Holstein - Haus (zur Zeit  finden dort z. B. die Literaturtage statt).


An der Schelfkirche zieht diese ausdrucksstarke moderne  Figur meinen Blick in den Bann

Auf der anderen Seite des Pfaffenteiches - eine Straße der Schelfstadt



Wie bereits in meinem gestrigen Beitrag erwähnt, ist Schwerin heute eine Stadt des Historismus. "Historismus" ist dabei der Überbegriff für alle Architekturstile, die Stile der Vergangenheit nachahmen - was typisch für das gesamte 19. Jahrhundert bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts ist, also z. B. Neoklassizismus, Neogotik, Neoromanik .... . Warum baute man in dieser Zeit so? In Kurzfassung: Das aufstrebende Bürgertum orientierte sich an den Mustern der Vergangenheit und wollte durch einen prunkvolle Stil  seinen Status demonstrieren. Früher als leere  Dekoration verschrien, werden Bauten dieser Epoche in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt und gewürdigt. Auch mich persönlich spricht die Harmonie dieser Gebäude an, nur mit dem Neobarock tue ich mich schwer.


Bei den offiziellen Führungen werden Paulsstadt und Feldstadt vernachlässigt. Das ist schade, denn hier gibt es - für Freunde der Stadtentwickluing - auch viel zu entdecken.
Die Paulsstadt hat ihren Namen nach dem Großherzog, der 1837 die Residenz von Ludwigslust nach Schwerin zurückverlegte. Von einer Schweriner Bürgerin bekomme ich den Tipp mir die Rudolf - Breitscheid - Straße, den Jungfernstieg und den Demmler Platz anzusehen. Diesen Tipp gebe ich hiermit weiter! Am Demmlerplatz findet sich das Justizgebäude von 1916, nach 1945 war es Sitz des sowjetischen Geheimdienstes und ab 1954 Sitz der Stasi.  Ab etwa dem Jahr 2000 wurden Paulsstadt und Feldstadt mit Hilfe des Programms der Städtebauförderung gründlich saniert.
Die Feldstadt wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgebaut - bis dahin war sie ein dörflicher Bereich (daher also der Name).
Noch ein paar Zahlen:
1840 hatte Schwerin 17000 Einwohner - 1900 waren es 38000 Einwohner - 1948 88000 Einwohner - 1960 waren es 92000.
In den nächsten Jahrzehnten steigt die Zahl bis auf 130000 Einwohner. Es werden zur DDR Zeit Plattensiedelungen erbaut (Großer Dreesch, Neu Zippendorf, Mueßer Holz.) Heute werden diese Plattenbauten z. T. wieder zurückgebaut. Die Einwohnerzahl beträgt wiederum 92000.
Die Größe der kleinsten Hauptstadt eines Bundeslandes hat viele Aspekte - der Zeitungsartikel zeigt, was zur Zeit diskutiert wird

Natürlich gibt es noch jede Menge anderer interessanter Fakten - aber vielleicht macht das ja schon jemandem Lust, einmal hierher zu kommen. Ich freue mich jetzt erstmal auf einen netten Abend in einem guten Fischrestaurant in der Altstadt! Morgen will ich ins Schweriner Schloss.

Montag, 20. Oktober 2014

Schwerin im Herbst - Erste Eindrücke

Schon lange haben mich die Fotos vom Schweriner Schloss und die Infoprospekte der Mecklenburg Touristeninfo neugierig gemacht. Jetzt klappt es:  Ich fahre für vier Tage nach Schwerin!
Im Mittelpunkt steht die Stadt - und Schlosserkundung, denn für's Radfahren ist es mir jetzt - im Oktober - zu kalt und die Schifffahrt auf den Seen ist nahezu eingestellt. Mein Hotel ist in Bahnhofsnähe, was auch bedeutet, dass ich in wenigen Gehminuten in der autofreien (!) Innenstadt bin.

Eine erste Erkundung führt mich dann auch gleich nach der Ankunft vom Bahnhofsvorplatz direkt zum "Pfaffenteich". Der kurze Bummel am Teich entlang bietet stimmungsvolle Aussichten auf die gegenüberliegende Seite.
Bummel am Pfaffenteich

Eine nette Idee des Stadtmarketings - die großen Blumentöpfe finden sich an vielen Plätzen in Schwerin
Auf meiner Seite laufe ich an einem eindrucksvollen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert vorbei. Es handelt sich um das "Arsenal" - einem Bau aus der Zeit um 1840, errichtet von Hofbaurat Demmler (der auch für das Schweriner Schloss verantwortlich war). Heute ist es der Sitz des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommerns. Ursprünglich war es als Kaserne und Waffenarsenal angelegt worden, als nämlich der Großherzog seinen Regierungssitz 1837 von Ludwigslust nach Schwerin verlegte. Diese Regierungssitzverlegung war überhaupt der Startschuss für das neue Schwerin, denn bis dahin bestand die Stadt noch in ihren mittelalterlichen Grenzen. Daher war auch der Platz am Pfaffenteich noch nicht bebaut - heute erscheint er so nah der Innenstadt - doch damals lag dieser Bereich außerhalb der alten Stadtgrenzen. Um 1840 hatte Schwerin noch weniger als 20000 Einwohner.

Das Arsenal - heute Sitz des Innenministeriums - in der Alexandrinerstraße am Pfaffenteich

Noch ein paar Worte zum Bauwerk selbst: Das Arsenal ist im Stil der Tudorgotik erbaut. eigentlich also ein Stil der englischen Spätgotik, der in den ersten beiden Jahrzehnten des Historismus vorzugsweise nachgeahmt wurde.  Typisch sind die massigen Türme in der Frontmitte, die Fugenquadratung und die Zinnenbekrönung.
Zur DDR - Zeit diente das Gebäude als Sitz der Volkspolizei. Im Oktober 1989 endeten die Friedensdemonstrationen immer am Arsenal, wo Kerzen abgestellt wurden. Auch nach der Restaurierung sind die Rußspuren erhalten geblieben.

Nun geht es für mich weiter in die Einkaufstraßen der Innenstadt. Hier bietet Schwerin wirklich viel, wie zum Beispiel eine große Zahl hochwertiger Modelädchen, elegante Deko- und Accessoiregeschäfte, allein drei ausgezeichnete Käseläden und viele Cafes. Neben den Einzelhandelsgeschäften gibt es auch mehrere große Shoppingcenter, so dass - wer will - den ganzen Tag in Läden stöbern kann.
Die Mecklenburgstraße - Beginn der Einkaufzone hinter dem Pfaffenteich
Elegantes Einkaufen

Doch für mich das Wichtigste: die beeindruckende Architektur. Schwerin verfügt über ein nahezu geschlossenes Stadtbild aus dem 19. Jahrhundert. Wie erwähnt, wurde damals die Stadt neu als großherzoglicher Regierungssitz ausgebaut; und da sie im 2. Weltkrieg kaum zerstört wurde, kann man heute noch dieser Residenzstadt begegnen.
Ich freue mich schon auf die Stadtführung am nächsten Tag, denn ich bin gespannt auf weitere Informationen zu Geschichte und Architektur!

Samstag, 2. August 2014

Das römische Trier - Ein Traum von Rom

Wer nach Trier reist, denkt zuerst an die römischen Wurzeln der Stadt. Doch Trier ist nicht nur irgendeine römische Stadtgründung. Nein! Es galt als „Roma secunda“ – zweites Rom, denn es war (Anfang 4. Jahr.) tatsächlich die zweitgrößte Stadt im Weströmischen Reich. Das war auch der Grund, warum Kaiser Konstantin hier seine Residenz hatte – und es wird greifbar in den großartigen Bauten, die 1986 aufgrund ihrer Einzigartigkeit zum Weltkulturerbe erklärt wurden:
Porta Nigra – das besterhaltene römische Stadttor nördlich der Alpen
Die Römerbrücke – der älteste erhaltene Brückenbau nördlich der Alpen
Die Barbarathermen – die viertgrößte Badeanlage des römischen Weltreiches
Die Konstantin Basilika  - um 310 n. Chr. als Thronsaal erbaut
Der Dom – älteste Bischofskirche nördlich der Alpen (älteste Teile ab 4. Jahr.)
sowie  die Kaiserthermen und das Amphitheater  für 20000 Zuschauer.
Das römische Trier ist also eine Stadt der Superlative!
33 Meter hoch - die Konstantin Basilika

Sein Wissen über die Antike kann man sehr gut im Rheinischen Landesmuseum vertiefen. Sowohl die Dauerausstellung als auch spektakuläre Sonderschauen helfen die Welt der Römer besser zu verstehen.

 Da will ich natürlich auch dabei sein und so breche ich an einem Freitag früh auf, um gleich mit den ersten Besuchern Einlass zu bekommen. Das Museum ist jedoch nicht überlaufen. Den ganzen Tag über habe ich Gelegenheit, mich mit allen Facetten vertraut zu machen.
Die diesjährige Sonderausstellung „Ein Traum von Rom“ verdeutlicht, warum die Menschen schnell von der römischen Lebensweise beeindruckt waren und an diesem Lebensstil Anteil wollten. Ich glaube, selbst ein Mensch unserer Tage wäre beeindruckt, wenn er plötzlich eine Zeitreise machte und im Trier des dritten und vierten Jahrhunderts landete. Öffentliche Monumentalbauten wie der Kaiserpalast, Wellnessoasen wie die Thermen, Unterhaltungszentren wie das Amphitheater – dazu Luxusgüter wie lebende Austern und farbige Kosmetikglasfläschen für die feinen Damen … Die Römer wussten, was das Herz begehrt.
Diese Glasfläschen von etwa 100 n. Chr waren einmal der Stolz von Damen der Oberschicht. Meine Vision ... Eine Dame freut sich, als sie das kleine blaue Fläschen geschenkt bekommt

Und die Römer wussten auch, wie man eine Gesellschaft steuert! Ein Abstufungssystem in Bezug auf Rechte und Statussymbole sorgte dafür, dass jeder seine Stellung im System ausdrücken konnte. So durfte z. B. nur der der römische Bürger die Toga tragen. Wer 25 Jahre Soldat war, erhielt das römische Bürgerrecht. Veteranensiedlungen wurden extra für die Soldaten gebaut (z. B. Köln) – es lohnte sich für Rom zu sein!
Ich staune, als ich durch einen Gang mit römischen Grabmälern gehe – das sind keine Grabsteine in unserem heutigen Sinne, sondern Grabmonumente mit überdimensionalen Ausmaßen, die an den Ausfallstraßen der Städte schon von den Lebenden für sich aufgestellt wurden.

 
Trier besitzt die größte Sammlung dieser Grabmonumente jenseits der Alpen (schon wieder ein Superlativ)
Ich bleibe den ganzen Tag im Museum. Damit ich besser durchhalte, suche ich zwischendurch das Museumsrestaurant auf. Hier kann man in angenehmer Atmosphäre Pause machen und auch gut essen. Fazit: Dieses Museum hat auch mich wieder neu für die Antike begeistert. Die Geschichte Südwest – Deutschlands verstehe ich nun besser. Ich nehme viele Anregungen und Impulse nach Norddeutschland mit. Danke, Trier!

Ort der Entspannung ... der kurfürstliche Garten gleich beim Museum



Freitag, 1. August 2014

Trier: Das Karl - Marx - Haus


Zu den Sehenswürdigkeiten, die man in Trier meist erst an dritter oder vierter Stelle angeht, gehört zweifellos das „Karl – Marx – Haus“. Trotzdem verdient dieses Haus Aufmerksamkeit. Hier wurde  Marx 1818 als Sohn eines  Anwaltes geboren. Es gelingt dem Museum mit Hilfe eines Audioguides und übersichtlicher Strukturierung sehr gut, Marx im Kontext seiner Zeit zu präsentieren und auch sein Weiterwirken deutlich zu machen.

Im Karl - Marx - Museum

Was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist etwa Folgendes: Karl Marx entstammte dem liberalen Bürgertum in Trier, das 20 Jahre lang zu Frankreich gehört hatte und dabei bürgerliche Freiheiten genossen hatte. Als Marx geboren wurde, gehörte Trier jedoch schon zu Preußen. Diese förderten die Stadt nicht wirklich, da diese 1000 km von Berlin entfernt war. Trier war im Wesentlichen Garnisonsstandort.
Das Geburtshaus von außen - es wurde 1726 erbaut - die Familie zog jedoch bald wieder aus und in die Nähe der Porta Nigra.

Zentrale historische Ereignisse sind die Revolutionen 1830 und 1848. Kurz vor der 1848er Revolution verfasste er sein „Kommunistisches Manifest“. In dieser Zeit verschlechterte sich die Lage der Industriearbeiter (vgl. 1844 Weberaufstand). Allerdings verfügte Trier gar nicht über Industrie; Marx profitierte hier von dem Erfahrungen seines Freundes Engels, der seine Ausbildung in Manchester (Textilindustrie) gemacht hatte.
Mir fällt die zeitliche und inhaltliche Nähe zu den Theorien Charles Darwins auf – wie dieser die Evolution der Arten untersucht, beschäftigt sich Marx mit der Entwicklung der Gesellschaft – und ebenso wie Darwin – sieht er hier einen geradezu „natürlich“ ablaufenden Prozess – Überlebenskampf und Klassenkampf dienen der „Höherentwicklung“.
Von Marx`Privatleben nehme ich mit, dass er 7 Kinder hatte, von denen 4 sehr früh starben. Beim Tode seines 8jährigen Sohnes äußerte er, dass er nun erst wisse, was ein Unglück sei. Er kam nur schwer über den Tod dieses Kindes hinweg.
Nachdenkenswert finde ich auch die Zitate Willy Brands, der sich als Präsident der Sozialistischen Parteien sehr differenziert über Marx äußerte.





Am Ende meines Besuches unterhalte ich mich mit der Museumsangestellten über die Motive der Besucher: 30 % der Besucher seien Chinesen, viele kämen als Delegation. Die meisten anderen Besucher zeigen ein eher neutral – historisches Interesse, aber aus Lateinamerika kommen manchmal noch echte Marxisten und Bewunderer Karls. Eine Ur-Ur-Ur- Enkelin von Marx, die in Frankreich lebt, war erst kürzlich zu Besuch.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Trier heute - Stadteindrücke einer Kurzreise


„Trier – die älteste Stadt Deutschlands, 2000 Jahre alt“ -  Das ist die Überschrift, die ich im Kopf habe, als ich Trier als Reiseziel für einen 6 Tage Trip auswähle. Natürlich kenne ich Bilder von der Porta Nigra – aber was erwartet mich konkret?
Meine ersten Eindrücke werden auch von der Art meiner Anreise geprägt. Ich komme zu Fuß – nachdem ich acht Tage auf dem Eifelsteig  von Hillesheim nach Trier gewandert bin. Die letzte Wegstrecke führt entlang einer Hangkante auf  Buntsandsteinfelsen auf der gegenüberliegenden Moselseite. Neugierig warte ich darauf, dass Trier ins Sichtfeld gerät ….

Und was sehe ich? Aus der Entfernung bereits einige Kirchbauten, aber auch viele Hochhäuser im weiteren Umfeld der Stadt. Über die Kaiser – Wilhelm- Brücke – Lindenstraße – Nordallee gehe ich dann Richtung Porta Nigra. Was für ein Autoverkehr!  Irgendwie hatte ich mir Trier idyllischer und kleinstädtischer vorgestellt.
Noch nichts Römisches zu entdecken ...

Doch Trier ist – mit etwa 106000 Einwohnern – nicht nur eine Großstadt, sondern wie mir scheint auch eine Stadt mit sehr viel mehr Verkehr als andere Städte dieser Größe. Ich denke da z.B. an Hildesheim als Vergleichspunkt. Wie kommt das?
Mit der Rezeptionistin meines Hotels komme ich ins Gespräch. Trier hat viel Pendlerverkehr.  Deutsche, die in Luxemburg arbeiten, oder Luxemburger, die hier günstigere Immobilien erworben haben. Außerdem fahren viele zum Tanken nach Luxemburg. Sie selbst tankt nie mehr in Deutschland, denn die ersten luxemburgischen Tankstellen sind keine 20 km entfernt.
Dazu natürlich der Tourismus. Trier ist von Touristen nur so be- und manchmal übervölkert. Das war nicht immer so. Meine Stadtführerin erzählt die Erfolgsstory Triers:
Trier wurde im Krieg zu 45% total zerstört, zu 30% teilzerstört. Es gehörte zur französischen Besatzungszone, es gab keine Industrie. Der Aufbau setzte  spät ab Ende der 60ziger Jahren ein.

Nachkriegsarchitektur in der Innenstadt

Restaurierte Altbauten 18. Jahrhundert


O.M. Ungers Bau von 1993 - 1998 -   Viehmarktthermenmuseum

  1970 wurde Trier wieder Universitätsstadt – und mit den Studenten kam das Leben!  In den Folgejahren bereitete man Trier auf die 2000 Jahrfeier (1984) vor – und investierte in lückenschließende Bauten und Wiederaufbau.  1986 wurden die römischen Stätten von der UNESCO zum Welterbe erklärt, die Wende 1989 brachte die Touristen aus dem Osten. Auch die Jubiläumsjahre 2007 (Konstantinjahr) und 2013 (130 Todesjahr von Karl Marx) führten zu einer Steigerung des Tourismus und in Folge zu immer größerer Bekanntheit und Beliebtheit Triers.
Dieser Hintergrund erklärt, warum man – neben historischen Gebäuden – auch noch viele Bauten aus den 70ziger und 80ziger Jahren in der Innenstadt findet.
Wie stark Trier nachgefragt ist, macht sich auch an den 150 Stadtführern (!) deutlich, die von der Touristenzentrale beschäftigt werden. Dabei sind die  Guides, die von anderen Veranstaltern gestellt werden, gar nicht mitgerechnet.  Trier hat auch 3,5 - 4 Millionenen Tagesgäste.

Porta Nigra mit Touristen – an einem Wochentagvormittag Ende Juli

Der Tourismus ist auffallend international. In meinem Hotel und in der Stadt begegne ich englisch und spanisch sprachigen Gästen,  Schülergruppen aus Italien, natürlich vielen Niederländern, auch Schweizern, Franzosen, vielen Asiaten …
Diese hohe Anzahl von Tagestouristen spiegelt sich auch in dien vielen Cafes und netten kleinen Lädchen zum Shoppen. 
Zum Vergleich noch ein Blick in die Bevölkerungszahlen früher:
Zur Zeit der römischen Herrschaft – also Anfang des 4. Jahrhunderts hatte Trier 70000 Einwohner. 1830 - zur Zeit der Jugend von Karl Marx - nur 12000 Einwohner. Heute leben etwa 15000 – 20000 Studenten in der Stadt.